Texte

Vorsicht Lebensschützer_innen!

Abtreibungsgegner_innen treten verstärkt in die Öffentlichkeit. Mit derVeranstaltung soll dies zum Anlass genommen werden, uns eingehend mit der Szene zu beschäftigen, die sich selbst zynisch “Lebensschützer_innen” nennt. Ihre wichtigsten Gruppen, Netzwerke, Publikationen und Aktionen sollen vorgestellt werden. Personelle Überschneidungen mit der extremen Rechten sind bei den “Lebensschützer_innen” nicht selten, völkischer Nationalismus und Antisemitismus in ihrer Agitation kein Zufall. Der Vortrag widmet sich daher den Ideologien der Abtreibungsgegner_innen, ihrem Antifeminismus und ihrer Homophie genauso wie den Geschlechter- und Menschenbilder der (extremen) Rechten überhaupt.

Robert Andreasch arbeitet als Journalist über die extreme Rechte in Süddeutschland. Seine Beiträge erscheinen in bekannten Medien wie Bayern 5 Radio oder der Taz und in antifaschistischen Medien wie “Der rechte Rand” oder dem “AIB” gleichermaßen.

Lesetipp:

Die etwas ältere Broschüre “Vorsicht ‚Lebensschützer‘. Abtreibung in Gefahr?” enthält einen längeren Artikel von Robert Andreasch zur Ideologie der Abtreibungsgegner (“Katholischer Bischof marschiert mit Rechtsterroristen”). Kostenloser download unter Broschüre

Vortrag von Robert Andreasch 28.04. – 19.30 Uhr – Rosa Hilfe

My Body my Choice – immer noch nicht!

Wie sieht es in einer Gesellschaft, in der eine Eva Hermann das neue, alte Mutterideal predigt und ein Thilo Sarazzin mit seiner Offenbarung „Deutschland schafft sich ab“ die Bestsellerlisten erobert, mit der weiblichen Selbstbestimmung aus? Gibt es in Deutschland überhaupt noch eine lebendige Debatte über Schwangerschaftsabbrüche jenseits der Lebensschützer_innen?

Wer genau hinsieht wird merken, dass in einer Gesellschaft in der das
Schreckensgespenst des demographischen Untergangs kursiert und Frauen, welche sich freiwillig für einen Abbruch entscheiden haben mittels „Post-Abortion-Syndrom“ pathologisiert werden, eine feministische Intervention unabdinglich ist. Recht auf Abtreibung ist und bleibt eine feministische Grundforderung und auch heute noch ein umkämpftes Thema!

Vortrag von Leonie Kapfer 26.04. – 19.30 Uhr – KTS Freiburg

Piusbrüdern entgegentreten!

Gegen die Piusbrüder und ihre mittelalterliche Ideologie!

26. März | 17 Uhr | Kaiser-Joseph-Straße/Humboldtstraße

Die Piusbrüder und ihre Anhänger_innen treffen sich am Freitag, dem 26. März, in Freiburg zu einem „Gebets- und Demonstrationszug zum Schutze des Lebens“, der mittlerweile leider Tradition hat. Auch in den vergangenen Jahren versammelten sich mehr als hundert Gläubige um gegen Abtreibung und damit gegen das Selbstbestimmungsrecht der Frau zu demonstrieren. Die hier Demonstrierenden kommen aus dem Umfeld des Priorat Sankt Michael der Priesterbruderschaft Pius X in Rheinhausen und stehen also in unmittelbarem Bezug zur Piusbruderschaft.

Die Piusbrüderschaft wurde 1970 vom Erzbischof Lefebvre gegründet, fühlt sich dem katholischen Traditionalismus verbunden und strebt eine „Verbreitung und Wiederherstellung der authentischen katholischen Lehre“ an. Die Piusbruderschaft grenzt sich gegen die katholische Kirche ab, da diese sich auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil unter anderem zur Religionsfreiheit und zur Anerkennung des Judentums bekannte. Seit 1975 arbeitet die Piusbruderschaft ohne Erlaubnis der katholischen Kirche, wobei der amtierende Papst Josef Ratzinger 2009 die Exkommunikation von vier Piusbrüdern aufhob. Darunter befand sich auch Williamson, der 2008 durch seine Holocaustleugnung auf sich aufmerksam machte, aber auch schon in früheren Jahren zeigte wessen Geistes Kind er ist: „Die Juden erfanden den Holocaust, damit wir demütig auf Knien ihren neuen Staat Israel genehmigen […] Protestanten bekommen Befehle vom Teufel, und der Vatikan hat seine Seele dem Liberalismus verkauft.“ (Richard Williamson in einer Predigt im April 1989).

Die Anhänger_innen der Piusbruderschaft tun gerne so, als stünde eine solche Meinung in der Piusbruderschaft alleine dar. Schon ein kurzer Blick auf den ideologischen Hintergrund der Piusbruderschaft zeigt aber, dass antisemitische Äußerungen aus ihrem Zentrum keineswegs überraschen dürfen. Ihr Konsens besteht nämlich in der Ablehnung aller Errungenschaften von Moderne und Aufklärung in sämtlichen gesellschaftlichen Bereichen. Gegen die parlamentarische Demokratie setzt die Piusbruderschaft die Vorstellung eines autoritären Klerus und gegen die Idee gesellschaftlicher Freiheit eine Restrukturierung von Staat und Gesellschaft gemäß rechtskonservativen und rechtsextremen Glaubenssätzen. Eine Vielzahl an Belegen dafür findet sich auch in den „Gottesdienstordnungen“, die von den Piusbrüdern des Priorat St. Michael in Rheinhausen für ihre Gemeinde veröffentlicht werden und auch im Internet einsehbar sind (http://www.sankt-michaels-kirche.de/hl_messe/gottesdienstordnung/index.php).

Der Piusbruderschaft gelten die Menschenrechte als „gottlos“. Lefebvre sagte dazu 1990: „Wegen des Abfalls vom Glauben, der in Rom herrscht, müssen wir mit ansehen, wie die Seelen in Massen der Hölle zustreben? Der Atheismus beruht auf der Erklärung der Menschenrechte. Die Staaten, die sich seither zu diesem offiziellen Atheismus bekennen, befinden sich in Todsünde.“ Die Piusbruderschaft lehnt einen religiös neutralen Staat ab, da dieser die „von Gott in die Menschen und in die Gemeinschaft – sei es die Familie und der Staat – hineingelegte Ordnung“ nicht anerkennen würde (Gottesdienstordnung Januar 2010 des Priorats St. Michael). Stattdessen fordern sie – so Franz Schmidberger, Distriktoberer der Piusbruderschaft Deutschland, – einen autoritären Gottesstaat mit „christliche[r] Gesellschaftsordnung“. In diesem Staat sollte nach den Vorstellungen der Piusbruderschaft die Todesstrafe praktiziert werden, es gäbe „keine zivile Eheschließung“, die Ehe würde unauflöslich gelten. Ferner würden voreheliche Beziehungen, der „Vertrieb empfängnisverhütender Mittel“, Zinsspekulation, Großbanken, Abtreibung, „Gotteslästerung, Homosexualität und Pornographie“ verboten. Alle Gewalt in Staat und Gesellschaft solle von Gott ausgehen, das Parteiensystem solle abgeschafft werden und an deren Stelle sollten reife, „christliche Männer“ treten. Die Freiheiten einer bürgerlichen Gesellschaft sollen laut der Piusbruderschaft abgeschafft werden, unter anderem die Gewissensfreiheit, Lehrfreiheit, Pressefreiheit, Vereinsfreiheit und Kultfreiheit. Um Gottes Strafe zu entgehen, müssten „[…] das sogenannte moderne Recht und die erwähnten großen Freiheiten [abgeschafft werden]. Zu diesem Zweck müssen wir die uns gewährten Freiheiten gebrauchen, um eben diese Freiheiten im modernen Wortsinn aufzuheben“ – so André Phillippe, dessen Kleinschrift „Christus, König der Nationen“ von den Piusbrüdern immer wieder nachgedruckt wurde. Die Aufklärung wird von den Piusbrüdern dementsprechend als zu eliminierende Krankheit verstanden – in der Dezember Gottesdienstordnung des Priorats in Rheinhausen ist von Errungenschaften der Aufklärung als „Krebsgeschwür“ die Rede.

Diese antimoderne Feindschaft gegen gesellschaftliche Freiheit drückt sich also in einer polit-religiösen Form der Demokratie-Kritik als Apologie eines repressiven Gottesstaates aus und zeigt eine klare Nähe zu rechtsradikaler Ideologie. In ihr haben auch die antisemitischen Äußerungen eines Williamsons ihren Platz. Sie stehen repräsentativ für antijudaistisch-antisemitische Versatzstücke, die für den rechten und rechtsextremen Kulturpessimismus der Piusbrüder beispielhaft ist: immer wieder finden sich in den Reihen der Piusbrüder Behauptungen, dass Juden Gottesmörder seien und auch heute noch für den Tod Christi zur Verantwortung zu ziehen wären, das Phantasma einer Verschwörung des „Weltjudentums“, das Wirtschaft und Politik in ihrer Hand hätte reiht sich neben Holocaustleugnungen und -relativierungen ein; die Piusbruderschaft ist Teil des Spektrums des katholischen Traditionalismus, der rechte Diktaturen verherrlicht, den Kollaborateur und Nazi Pétain feiert und sich positiv auf die „Protokolle der Weisen von Zion“ bezieht.

In ihrer religiösen Hybris sehen sich die Piusbrüder als Verteidiger der einzig wahren Religion. So kritisieren sie den interreligiösen Dialog, Glaubenstoleranz und Religionsfreiheit. In der Januar Gottesdienstordnung des Priorates in Rheinhausen lässt sich zum Minarettverbot in der Schweiz nachlesen: „Minarette sind nun mal Wahrzeichen einer eindeutig falschen Religion und daher geht es völlig in Ordnung, dass sie in Zukunft verboten sind.“ Die militante Verteidigung ihrer Auslegung des Christentums als einzige Wahrheit führt zu einer brutalen Hetze der Piusbruderschaft gegen alle Menschen, die nicht in ihr Weltbild passen. So gilt ihr etwa Homosexualität als Sünde. Mit Slogans wie „Rettet die Kinder vor Perversen“ hetzen die Anhänger der Piusbrüder gegen Homosexualität, die von ihnen sogenannte „moralische Umweltverschmutzung“. Eine weitere Verschwörungstheorie bezieht sich auf die sogenannte „Homo-Lobby“, die gemeinsam mit den Freimaurern die „gesellschaftliche Perversion“ forciere. In Übereinstimmung mit diesen ewiggestrigen Sexualvorstellungen werden Frauen von der Piusbruderschaft nicht als ebenbürtig anerkannt. So sagte beispielsweise Williamson 2001: „Fast kein Mädchen sollte zu irgendeiner Universität gehen. […] Man braucht keine Universität, um das meiste von dem zu lernen, in was Mädchen unterrichtet zu werden brauchen, zum Beispiel Hauswirtschaft, Einrichtung und Unterhalt eines Heims, Pflege und Erziehung der Kinder, die geistige und soziale Vorbereitung auf die Ehe.“ Frau sein bedeutet für die Piusbruderschaft „Gehilfin des Mannes und Mutter der Kinder“ zu sein (Schmidberger, Distriktoberer der Piusbruderschaft Deutschland).

Unter dem Deckwort des „Lebensschutzes“ wird der Frau das Recht abgesprochen über den eigenen Körper zu entscheiden: sie darf laut den Piusbrüdern weder verhüten, noch abtreiben. Die Perfidie der Piusbrüder führt so weit, dass sie sich in Freiburg 2009 vor der Familien- und Sexualberatungsstelle „Pro Familia“ trafen, um dort gegen den „Massenmord an Kindern“ zu protestieren – das ist auch für dieses Jahr geplant. Im vergangenen Jahr wurde Frauen, die verhüten, groteskerweise Rassismus vorgeworfen und sie wurden als „wandelnde Mordfabriken“ bezeichnet. In diesem menschenverachtenden Jargon wurde auf einer Kundgebung öffentlich Abtreibung mit dem Holocaust gleichgesetzt. Auch in verteilten Flyern und Broschüren wurde aufs Übelste gegen Homosexuelle gehetzt und ein tiefreaktionäres Frauenbild propagiert.

Am 26. März 2010 treffen sich die Piusbrüder und ihre Anhänger_innen um 17.00 Uhr in der Humboldtstraße, anschließend, um 17:30 Uhr, werden sie ihre Demonstration durch die Innenstadt abhalten und sich um 18:45 Uhr auf dem Kartoffelmarkt/Rathausplatz zu einer Abschlusskundgebung zu versammeln. Wir rufen zu einer Gegendemonstration an diesen Orten auf, damit die frauenfeindliche und menschenverachtende Ideologie der Piusbruderschaft nicht ohne Widerspruch bleibt!

Das Kreuz mit den radikalen Christen

Von Kirsten Achtelik

Abtreibung wird wieder zum Thema – angesichts der „1000 Kreuze Märsche für das Leben“, die am 20. September in Berlin und am 4. Oktober in München von selbsternannten Lebensschützern durchgeführt wurden, regte sich wie auch schon am 25. Juli in Salzburg Protest. Radikale Christen und Abtreibung waren bisher sowohl bei der Antifa als auch in der queeren Szene eher vernachlässigte Themen, das scheint sich zu ändern. Da der „Trauermarsch“ in Berlin ab jetzt auch jährlich stattfinden soll, lohnt es sich, an den Fragen: Was wollen die eigentlich? und Was können wir dem entgegensetzen? dranzubleiben.

„Lebensschützer“ – zersplittert und unübersichtlich

Die „Lebensschützer“ in der BRD bestehen aus vielen kleinen Organisationen, die sowohl ideologisch als auch religiös einem breiten Spektrum angehören – vom CDL (Christdemokraten für das Leben), einer Sonderorganisation in der CDU/CSU bis zur radikalen Rechten und von papsttreuen Katholiken bis zu evangelikalen Gruppen. Viele von ihnen haben sich im BvL (Bundesverband für Lebensrecht) zusammengeschlossen. Ihre Hauptaktivitäten bestehen in „Beratungen“ via Internet oder in Beratungsstellen, in Lobbyarbeit zur Verschärfung des Abtreibungsparagrafen 218, gegen Sterbehilfe und Embryonenforschung, und eben in den „Trauermärschen für das Leben“. Offensive „Beratung“ von Frauen, die abtreiben wollen („Gehsteigberatung“), sind in der BRD bisher nur aus München bekannt. Dort wurde nur 100 Meter von einer bekannten Arztpraxis ein „Lebenszentrum“ eingerichtet, in das abtreibungswillige Frauen gelotst werden sollen. Ein juristisches Vorgehen gegen diesen religiösen Eifer blieb erfolglos.
Durch die dieses Jahr gegründete AUF-Partei (Arbeit, Umwelt, Familie) könnte es zu einer Sammlung der AbtreibungsgegnerInnen auf politischer Ebene kommen. Die AUF-Partei versteht sich als „Sammlungsbewegung bekennender Christen“, Teile der Partei Bibeltreuer Christen (PBC), der Deutschen Zentrumspartei sowie der Ökologisch-Demokratischen Partei (ödp) sind zu ihr übergegangen. Durch den Zusammenschluss hoffen sie durchsetzungsfähiger zu werden und wollen sich vor allem die Kampagnen- und Öffentlichkeitsorientierung evangelikaler Gruppen in Südamerika, Afrika und den USA zum Vorbild nehmen.
Gemeinsam ist den AbtreibungsgegnerInnen vor allem ihr reaktionäres Frauenbild: die Frau als Hausfrau und Mutter (möglichst vieler Kinder), die hierin ihr biologisches Schicksal erfüllt und ihre persönliche Erfüllung findet.

Gegenmobilisierung in Berlin

Der Gegenseite (antisexistische, antifaschistische, queere und feministische Menschen und Gruppen) ist es dieses Jahr in Berlin zum ersten Mal gelungen, ein Bündnis zur Mobilisierung gegen den 1000 Kreuze Marsch auf die Beine zu stellen. Sie wollte den reaktionären schwarz gekleideten Lebensfeinden ein buntes, fröhliches Treiben entgegensetzen. Wegen politischer Konkurrenz-Veranstaltungen in Berlin und Köln wurde die TeilnehmerInnenzahl von 200 als nicht schlecht bewertet. Doch der unverhältnismäßige Einsatz der Berliner Polizei (fünf teils brutale Festnahmen) überraschte die OrganisatorInnen: „Zwei Leute wurden mit haarsträubenden Begründungen schon vor Beginn der Christen-Kundgebung mitgenommen. Das war krasser als bei vielen Anti-Nazi-Aktionen.“ regt sich Heidi Kremer vom Bündnis auf und macht sich auch Sorgen über die Vermittelbarkeit der Gegenkundgebung: „Wir sind ganz klar Pro-Choice. Unsere Kritik richtet sich vor allem dagegen, das Selbstbestimmungsrecht der Frauen noch weiter einzuschränken. Andererseits halten wir Abtreibung nicht für was Tolles. ‚Abtreiben gegen Deutschland’ oder ‚Föten zu Pflugscharen’, was auf einigen Schildern zu lesen war, provoziert zwar die Christen, geht aber unserer Meinung nach in die falsche Richtung.“

Unbeabsichtigte Folgen der Gegenmobilisierung

Während in den Vorjahren weder „Lebensschützer“ noch die begrenzten Gegenaktionen die mediale Aufmerksamkeit erregen konnten, fanden der „Trauermarsch“ und die Gegenkundgebung dieses Jahr durchaus Beachtung. Von den ProtestiererInnen war dieser Effekt schon befürchtet worden, allerdings war es ihnen wichtiger, das Thema Abtreibung wieder auf die Agenda zu setzen. Auch das rechte Wochenblatt Junge Freiheit berichtete lobend und ganzseitig über die Berliner Demonstration. Andere rechte Kreise wurden erst durch die angekündigten Gegenproteste auf die „Lebensschützer“ aufmerksam, wie der Schreiber eines Altermedia-Artikels (eine rechte, dem linken indymedia nachempfundene Nachrichten-Webseite) bekundet. Der Bericht hat heftige Debatten darüber ausgelöst, inwieweit die Forderungen der „Lebensschützer“ für Rechte anschlussfähig seien. Dem gemeinsamen Ziel, das imaginierte Aussterben des deutschen Volkes zu verhindern, steht die fragliche „Vereinbarkeit des christlichen Glaubens mit der nationalsozialistischen Idee“ gegenüber. Außerdem halten nicht wenige Nazis Abtreibung für vertretbar, wenn es um „die Reinhaltung des Volkes“ geht.

Aktionen in München

Schon im Vorfeld des „Trauermarsches“ in München hatten „Freie Nationalisten München“ ihre Teilnahme angekündigt. Die Veranstalter (EuroProLife) wiesen zwar darauf hin, dass der Marsch als „Gebetsprozession“ zu betrachten sei, fühlen sich aber ansonsten zu keiner Distanzierung von den Nazis veranlasst und freuten sich offensichtlich auch über die rund 60 Nazis, die damit rund ein Viertel der TeilnehmerInnen stellten. Auch bekannte NPD-Mitglieder waren bei dem von den Nazis formierten Block dabei.
Das Münchner Antisexistische Aktionsbündnis, das zu den Gegenaktionen aufgerufen hatte, bewertet diese als Erfolg. Immerhin wurde aufgrund der Proteste die Demoroute verlegt und auf die Ausgabe der Kreuze weitgehend verzichtet. Auch hier ging die Polizei, vor allem das USK gegen Stör- und Blockadeversuche brutal vor. 300 Menschen beteiligten sich an den bunten und phantasievollen Gegenaktionen.

Bündnis München: http://asabm.blogsport.de/
Bündnis Berlin: http://no218nofundis.wordpress.com/

Reaktionäre Abtreibungsgegner_innen

Sich selbst nennen sie „Lebensschützer“. Hinter diesem Begriff verbergen sich organisierte Abtreibungsgegner_innen die mit ihrer reaktionären Ideologie dafür sorgen wollen, dass Frauen das Recht am eigenen Körper nicht anerkannt wird.

Die Grundsätze

Die Lebensschützer_innen vertreten eine extrem reaktionäre Ideologie. Kern davon ist die Schöpfungsordnung nach Adam und Eva, eine zutiefst patriarchale und heteronormative Ordnung.
In ihrem Weltbild werden Frauen1 einzig und allein als Mütter wahrgenommen. Es sei Gottes Plan, wenn eine Frau schwanger wird, daher habe der Mensch dort auch nirgendwo einzugreifen. Daher agitieren die Lebensschützer_innen gegen jede Art von Verhütung und ganz massiv gegen jeden Schwangerschaftsabbruch. Damit sprechen sie Frauen das Recht am eigenen Körper ab und zwar grundsätzlich.
Kein noch so krasser Fall rechtfertig in ihren Augen einen Eingriff in Gottes Plan. So sagte z.B. in Anfang der 90er der Salzburger Erzbischoff Georg Eder: „Wird eine Frau nach einer Vergewaltigung schwanger, dann hat’s ihr Spaß gemacht.“2

Die Organisationen

Die „Lebensschützer“ kommen fast ausschließlich aus christlich-fundamentalistischen Kreisen aller Konfessionen. Sie organisieren sich in zahlreiche Gruppen, wie etwa Euro Pro Life, Kooperative Arbeit Leben Ehrfürchtig Bewahren oder auch Helfer für Gottes Kostbare Kinder.
Viele Lebensschützer kommen aus einem evangelikalen Kontext, allerdings sind sich die evangelischen Amtskirchen in ihren Positionen zum Thema Schwangerschaftsabbruch nicht einig. Die katholische Amtskirche ist dagegen einer der größten Unterstützer dieser Strömung.
So war z.B. der jetzige Papst Josef Ratzinger 1981 bis 2005 Präfekt der Heiligen Kongregation für Glaubensfragen, einem Gremium das bis 1908 Römische und Universale Inquisition hieß und bis heute massiv gegen Abtreibungen und Verhütung hetzt.
Neben obengenannten Organisationen gibt es auch diverse andere „Lebensschützer“-Organisationen, die nicht gleich als solche auffallen, um unter dem Deckmantel sachlich-neutraler Information die „Lebensschützer“-Ideologie zu verbreiten. Dazu gehören z.B. die Europäische Ärzte Aktion oder auch die Juristen-Vereinigung Lebensrecht.
Auch sind Lebensschützer_innen in vielen Parteien organisiert. Neben ihren eigenen Parteien wie der Christlichen Liga und der Christlichen Mitte sind sie auch in anderen Parteien vertreten und zum Teil auch organisiert, wie z.B. in der CDU/CSU bei den Christdemokraten für das Leben (CDL) oder in der FDP im Liberalen Gesprächskreis Lebensrecht. Aber Lebensschützer_innen und ihre Positionen lassen sich auch bei SPD und Grünen finden.

Offen bis ganz weit nach rechts

Wenn sich auch Lebensschützer_innen bis weit in der politischen Mitte finden lassen, so ist Ideologie doch ganz klar ziemlich weit rechts einzuordnen.
Mit der schon erwähnten patriachalen und heteronormativen Weltsicht gehen auch extrem rassistische, völkische und z.T. auch antisemitische Positionen einher.
Gerne wird vom Aussterben des Deutschen Volkes erzählt, wie z.B. der katholische Kardinal-von-Galen-Kreis 1991 in einem offenen Brief an den damaligen Innenminister Wolfgang Schäuble schrieb:
„Der Krieg gegen die Kinder bringt und jährlich Menschenverluste, die in der Größenordnung des Russlandfeldzuges liegen. Diese verluste werden durch Asylanten ausgeglichen. Diese erhalten soziale Zuwendungen, die wir durch die Tötung deutscher Kinder eingespart haben, ein Teufelskreis, der mit der Vernichtung unseres Volkes endet.“2
Sehr gerne werden auch Schwangerschaftsabbrüche mit dem Holocaust gleichgesetzt, wie z.B. durch die oft verwendete Wortneuschöpfung Babycaust, oder Abtreibung werden gar schlimmer als der Nationalsozialismus dargestellt.
Die katholische Zeitung des Bistums Münster Kirche und Leben schrieb beispielsweise:
„Die Nazis haben ihren Massenmord immerhin noch mit einer Ideologie versehen. Es war nicht kaltherzige Ichsucht, wie etwa heute bei der Abtreibung. Diese Tötung aus rücksichtsloser Selbstsucht ist darum moralisch niedriger anzusetzen.
Nazis haben sich an unschuldigen Menschen ausgelassen, die weitgehend erwachsen waren und sich gegen das ihnen geschehene Unrecht empören konnten. Bei der Abtreibung (…) ungeborener Kinder, die kein Wort sprechen können (…) [ist] die Charakterlosigkeit noch niedriger anzusetzen als bei den Nationalsozialisten.“2
Als höhere Ideale betrachten die Lebensschützer_innen „Vaterland, Ehre, Keuscheit, gehorsam, Ein- und Unter-Ordnung unter das Volksganze und Opferbereitschaft, vor allem der Frau.“2
So werden dann auch mal gerne Verschwörungstheorien gesponnen:
„Die Feinde Deutschlands versuchen nach dem Kriege durch die Zerstörung aller höheren Ideale wie vaterland, Ehre, Liebe, Glaube usw. den Agressionstrieb der Deutschen auszumerzen und sie in eine liberalistische Konsumgesellschaft (…) zu verwandeln.“2
Wer diese Feinde sein sollen, wird allerdings nicht offen gesagt.

Böse Zungen sagen dazu:
„Der einzige Unterschied zwischen den Nazis und den Lebensschützern: Bei den einen heißt der Führer Adolf, bei den andern Jesus.“

Die kapitalistische Realität

Laut §218 StGB ist ein Schwangerschaftsabbruch in der BRD immer noch rechtswidrig, auch wenn er inzwischen bis zur 12. Schwangerschaftswoche streffrei ist. Dafür ist allerdings jede schwangere Frau verpflichtet, sich einer Zwangsberatung zu unterziehen.
„Diese brandmarkt Frauen als potentiell verantwortungslos, unwissend und unmündig. Für Männer gibt es in keinem Zusammenhang einen vergleichbaren Zwang. Ein Beratungszwang ist in sich ein Paradox: es geht hierbei nicht um Information, denn diese wäre durch vielfältige, freiwillige Beratungsmöglichkeiten vermittelbar, sondern um die Reproduktion patriarchaler Kontrolle und der Festschreibung von geschlechtlichem Rollenverhalten.“sup>3
Kapitalistische Gesellschaften sind immer noch patriachal geprägt. Es herrscht immer noch überwiegend eine Arbeitsteilung mit reproduktiven Tätigkeiten für die Frau und produktiven Tätigkeiten für den Mann.
Einem schwangeren Körper wird die Individualität abgesprochen, die befruchtete Eizelle wie auch der Körper werden in den Dienst von Gott, Volk und Nation gestellt.
Somit reproduzieren die „Lebensschützer“ – wenn auch ungleich schärfer – in ihrer Ideologie eben auch die kaptalistisch-patriachale Realität (was nicht heißen soll, dass es ohne den Kapitalismus zwangsläufig kein Patriachat gäbe).

Auftreten der „Lebensschützer“

Um ihre Ideologie durchzusetzen gehen die Lebensschützer_innen vielfältige wege. Neben Propagandaarbeit durch Broschüren, Plakate u.ä. und ihrem Wirken hinter den Kulissen treten sie auch immer mal wieder bewusst in die Öffentlichkeit. So stehen einige von ihnen in einigen Städten wie z.B. München täglich vor Kliniken in denen auch Schwangerschaftsabbrüche durchgeführt werden und terrorisieren Frauen die dort langkommen und möglicherweise in die Klinik gehen wollen. Die „Lebensschützer“ nennen dies dann ganz euphemistisch Gehsteigberatung.
Ebenfalls wichtiges Element im öffentlichen Auftreten sind die sog. 1000-Kreuze-Märsche. Unter dem Motto 1000 Kreuze für das Leben führen sie regelmäßig Gebetsprozessionen in verschiedenen Städten durch, so z.B. am 25. Juli in Salzburg.
Dabei scheint es recht einfach zu sein, die Lebensschützer_innen schon mit kleinen Gegenaktionen zu provozieren.
Gerade in Österreich kam es in diesem Zusammenhang immer wieder zu Aktionen.[1] [2] [3]

Demnächst

Auch in näherer Zukunft wollen die „Lebensschützer“ einige 1000-Kreuze-Märsche durchführen.
Der nächste findet am 20. September in Berlin statt. Dazu hat sich auch bereits ein Gegenbündnis gebildet.
In München findet ein solcher Marsch am 4. Oktober statt. Darauf mobilisieren übrigens auch die „Freien Nationalisten München“ um Phillip Hasselbach.
Weitere Infos dazu und zu möglichen Gegenaktionen werden folgen.
Ebenfalls findet dann vom 3.-5. Oktober in München auch noch ein großer Kongress der „Lebensschützer“ in der Residenz statt.
In der linken Blogsphäre kam es diesbezüglich zu einer Wette zwischen München und Berlin, wer die coolsten, kreativsten und größten Gegenaktionen aufstellt. [1] [2]

1 Wenn in diesem Kontext von Frauen gesprochen wird, ist ausschließlich das biologisches Geschlecht gemeint. Ganz klar werden Männer oder Frauen nicht als solche geboren, sonderen die sozialen Geschlechterrollen (Gender) mit ihren spezifischen Eigenschaften werden Menschen erst im Zuge der Sozialisation auferlegt.

2 zitiert nach oder aus Vorsicht Lebensschützer von Frauen gegen den §218 (Hg.), 1991, Konkret Literatur Verlag

3 aus Der Schwangerschaftabbruch gehört zum Leben dazu von Sarah Diehl

Quelle: http://de.indymedia.org/2008/09/226357.shtml